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Uncategorized · 4. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit

Hitzeschutz gehört in die Versorgungsplanung – nicht nur in die Wettervorhersage

Das Hitzewochenende Ende Juni in Köln hat gezeigt, wie stark extreme Temperaturen die Gesundheitsversorgung belasten können. Es war keine klassische Großschadenslage mit einem einzelnen Ereignis, sondern eine schrittweise zunehmende Belastung über viele Stunden: mehr Rettungsdiensteinsätze, mehr Notfallpatientinnen und -patienten, zusätzliche Transport- und Behandlungskapazitäten, ausgelastete Kliniken und Engpässe in nachgelagerten Strukturen.

Gerade diese Art von Lage verdient mehr Aufmerksamkeit. Denn sie entsteht nicht plötzlich, ist meteorologisch meist absehbar und trifft dennoch auf Strukturen, die im Regelbetrieb bereits wenig Reserve haben.

Nach Angaben der Stadt Köln kam es am Samstag, 27. Juni 2026, zu 1.136 Einsätzen der Leitstelle, davon 936 im Rettungsdienst. An einem normalen Tag liegt die Zahl der Einsätze deutlich niedriger. Zusätzlich wurden weitere Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge in Dienst genommen. In der Messehalle Köln-Deutz wurde ein Notfallversorgungszentrum eingerichtet, um Krankenhäuser zu entlasten. Zusammen mit einer sogenannten Kälteinsel standen mehrere hundert Feldbetten zur Verfügung.

Das ist bemerkenswert, weil hier Maßnahmen sichtbar wurden, die üblicherweise eher aus Katastrophenschutz- und MANV-Konzepten bekannt sind: zusätzliche rettungsdienstliche Ressourcen, überörtliche Unterstützung, vorbereitete Behandlungsstrukturen und die organisatorische Entlastung klinischer Notaufnahmen.

Auch Einheiten aus dem Umland wurden alarmiert. Unter anderem wurde aus dem Oberbergischen Kreis über eine ÜMANV-B1-Lage berichtet, also überörtliche Unterstützung bei einem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten. In der Messehalle Köln-Deutz sollten Behandlungsplatzstrukturen aufgebaut werden. Solche Konzepte sind in Nordrhein-Westfalen grundsätzlich vorbereitet, etwa über den BHP 50 NRW, der für die zeitlich begrenzte notfallmedizinische Versorgung einer größeren Zahl von Verletzten oder Erkrankten vorgesehen ist.

Wichtig ist dabei die Einordnung: Das bedeutet nicht, dass die gesamte Versorgung „zusammengebrochen“ ist. Aber es zeigt, dass extreme Hitze eine Sonderlage erzeugen kann, die weit über individuelle Gesundheitsrisiken hinausgeht.

Besonders betroffen ist die gesamte Versorgungskette. Rettungsdienst, Leitstelle, Notaufnahmen, Intensivstationen, Normalstationen, Pflegebereiche, Transportdienste, Rechtsmedizin und Bestattungswesen hängen funktional zusammen. Wenn an mehreren Stellen gleichzeitig zusätzliche Belastung entsteht, reichen lokale Einzelmaßnahmen oft nicht mehr aus.

Berichtet wurde, dass Notaufnahmen in Köln deutlich stärker frequentiert waren als üblich. In den zentralen Notaufnahmen und Intensivbereichen der Kölner Kliniken mussten nach Medienberichten deutlich mehr Menschen reanimiert werden als an vergleichbaren Tagen. Gleichzeitig wurden viele Patientinnen und Patienten wegen hitzebedingter Beschwerden behandelt, darunter Dehydratation, Kreislaufprobleme, Erschöpfung und schwere Verläufe bis hin zur intensivmedizinischen Versorgung.

Auch die Zahl der Todesfälle lag nach Berichten von WDR und Kölner Stadt-Anzeiger deutlich über dem üblichen Niveau. Genannt wurden etwa 120 Todesfälle zwischen Freitag und Sonntag in Köln, also ein Vielfaches eines normalen Wochenendes. Fachlich ist hier Zurückhaltung wichtig: Das sind nicht automatisch „120 Hitzetote“. Todesursachen sind komplex, besonders bei älteren oder vorerkrankten Menschen. Aber eine solche Häufung ist ein ernst zu nehmendes Signal für Übersterblichkeit im zeitlichen Zusammenhang mit extremer Hitze.

Wenig öffentlich diskutiert wurden die nachgelagerten Folgen. Aus Berichten und Angaben im politischen Raum geht hervor, dass es im Raum Köln und Leverkusen auch bei Abtransport und Unterbringung Verstorbener zu Engpässen kam. Bestattungsunternehmen, Kühlkapazitäten, Krankenhäuser, Rechtsmedizin und polizeiliche Abläufe sind Teil derselben Lagebewältigung. Wenn diese Strukturen an Grenzen kommen, zeigt sich, dass Hitzeschutz nicht nur eine Frage von Trinktipps und Warn-Apps ist, sondern eine Frage operativer Resilienz.

Genau hier liegt aus meiner Sicht der entscheidende Punkt.

Hitze ist als Gesundheitsrisiko bekannt. Das Umweltbundesamt, das Bundesgesundheitsministerium, das Robert Koch-Institut und viele kommunale Gesundheitsakteure weisen seit Jahren darauf hin, dass hohe Temperaturen insbesondere ältere Menschen, chronisch Kranke, Säuglinge, Kleinkinder, pflegebedürftige Menschen, Wohnungslose und sozial isolierte Personen gefährden. Auch Beschäftigte im Freien, Menschen in schlecht isolierten Wohnungen und Personen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen.

Neu ist nicht die medizinische Erkenntnis. Neu ist die Häufigkeit, mit der solche Lagen in Zukunft zu erwarten sind, und die Frage, ob unsere Versorgungsstrukturen darauf ausreichend vorbereitet sind.

Für Krankenhäuser ist das besonders relevant. Viele Klinikgebäude sind baulich nicht auf längere Hitzeperioden ausgelegt. OP-Bereiche, Intensivstationen und einzelne Funktionsbereiche sind häufig klimatisiert; Normalstationen, Flure, Wartebereiche, Patientenzimmer oder Personalräume dagegen oft nur teilweise oder gar nicht. Gleichzeitig benötigen gerade vulnerable Patientinnen und Patienten eine Umgebung, in der Kreislaufbelastung, Flüssigkeitsmanagement und Medikamentenrisiken kontrolliert werden können.

Hitzeschutz im Krankenhaus ist deshalb keine Komfortfrage. Es geht um Patientensicherheit, Arbeitsfähigkeit des Personals, Infektionsschutz, technische Betriebssicherheit und Notfallkapazität.

Das macht die aktuelle Debatte um Krankenhausfinanzierung besonders relevant. Wer Kliniken dauerhaft am Limit finanziert, nimmt ihnen Spielräume für Resilienz. Klimaanpassung kostet Geld: Verschattung, Dämmung, Lüftung, Kühlung vulnerabler Bereiche, Trinkwasserversorgung, bauliche Anpassungen, Redundanzen, Personalreserve, Schulung und belastbare Alarm- und Einsatzplanung. Diese Maßnahmen lassen sich nicht nebenbei aus ohnehin angespannten Budgets finanzieren.

Aus dem Hitzewochenende lassen sich deshalb einige nüchterne Schlussfolgerungen ziehen:

Erstens: Hitzelagen sollten verbindlicher Bestandteil von Krankenhausalarm- und Einsatzplänen, Rettungsdienstbedarfsplanung und kommunaler Gefahrenabwehr sein. Nicht als allgemeiner Sommerhinweis, sondern mit konkreten Auslösewerten, Rollen, Kommunikationswegen und Ressourcen.

Zweitens: Notaufnahmen und Rettungsdienste brauchen definierte Entlastungsmechanismen für vorhersehbare Spitzenlagen. Dazu gehören zusätzliche Einsatzmittel, frühzeitige Lagebilder, strukturierte Patientensteuerung und vorbereitete Unterstützungsangebote durch Hilfsorganisationen und Katastrophenschutz.

Drittens: Kliniken benötigen finanzierte Hitzeschutzpläne. Viele Arbeitshilfen existieren bereits. Entscheidend ist die Umsetzung in Gebäuden, Prozessen und Personalplanung.

Viertens: Die Versorgung Verstorbener muss in solchen Lagen mitgedacht werden. Kühlkapazitäten, Transport, Rechtsmedizin, Bestatter, polizeiliche Abläufe und Ausweichstrukturen gehören zur Krisenplanung. Das ist ein sensibler Bereich, aber gerade deshalb darf er nicht erst im Ereignis improvisiert werden.

Fünftens: Kommunale Hitzeschutznetzwerke sollten vulnerablen Menschen aktiv helfen, bevor der Rettungsdienst gerufen werden muss. Hausärztliche Versorgung, Pflege, Apotheken, Sozialdienste, Wohnungswirtschaft, Seniorenarbeit, Ordnungsamt, Hilfsorganisationen und Nachbarschaftsstrukturen können hier gemeinsam viel leisten.

Die Lehre aus Köln sollte nicht sein, die Lage dramatischer darzustellen, als sie war. Die Lehre sollte sein, sie ernst genug zu nehmen.

Extreme Hitze ist ein planbares Gesundheitsrisiko. Sie trifft nicht nur Einzelpersonen, sondern belastet gleichzeitig viele Bereiche der Daseinsvorsorge. Genau deshalb gehört sie in die gleiche strategische Kategorie wie andere vorhersehbare Lagen: vorbereitet, finanziert, geübt und ausgewertet.

In der öffentlichen Diskussion blieb dieses Wochenende vergleichsweise randständig. Dabei liefert es wichtige Hinweise für die nächsten Jahre. Wenn Rettungsdienst, Kliniken und Katastrophenschutz bei einer Hitzelage zusätzliche Strukturen aktivieren müssen, sollte das kein Nebenthema sein – insbesondere nicht in einer Phase, in der über weitere Einsparungen und Strukturveränderungen im Krankenhausbereich diskutiert wird.

Resilienz entsteht nicht im Ereignis. Sie entsteht vorher.

Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz. Hitzeschutz ist Teil von Bevölkerungsschutz. Und Hitzeschutz braucht eine Finanzierung, die der Realität extremer Wetterlagen gerecht wird.


Quellen: Stadt Köln, WDR, Kölner Stadt-Anzeiger, Deutscher Wetterdienst, Umweltbundesamt, Bundesgesundheitsministerium, Krankenhausgesellschaft NRW, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Landeskonzepte Katastrophenschutz NRW.